Im Vergleich mit Erfurt und Weimar, schrieb Vid Silber neulich in der TAZ, ist Jena der "uncoole Streber, der einem die Hausaufgaben macht". Mittlerweile gibt es aber Beispiele, bei denen Jena nicht mal mehr die eigenen Hausaufgaben macht. Was bleibt dann noch vom stolzen Image der "Stadt für Fortgeschrittene"?
So tagt der Jenaer Stadtrat pünktlich einmal im Monat – es sei denn es ist Sommerpause – und wer an diesem Tag Zeit hat, kann als Gasthörer an der öffentlichen Sitzung im Rathaus teilnehmen. Wer es etwas bequemer mag, hat die Gelegenheit, sich die Wiederholung der Sitzung auf Jena TV anzuschauen. Sofern er dazu Zeit findet. Hat er sie nicht, ist auch die Sendung vorbei und die Gelegenheit dahin. Schade eigentlich, wenn man sich als Bürger für die Stadtpolitik interessiert und ein wenig hinter die Kulissen schauen will.
Mit "Höhe der Zeit" oder "Stand der Technik" hat der derzeitige "Service" der Stadt wenig zu tun. Wirklich modern würde nämlich bedeuten, die Sitzungen aufzuzeichnen und online zu stellen, damit jeder zu einem Zeitpunkt der eigenen Wahl die Debatten im Stadtrat verfolgen kann. Noch moderner wäre es, das Ganze mit Live-Streaming zu kombinieren; damit könnte man als interessierter Bürger die Sitzungen sogar live verfolgen.
Interessanterweise gibt es eine Aufzeichnung bereits, zwar in schlechter Qualität, aber es gibt sie. Nur weiß das keiner. Vielleicht soll es auch keiner wissen. Wer nämlich ab und an die Webauftritte von OTZ und TLZ besucht und sich dort zum Jenaer Lokalteil durchgeklickt hat, wird möglicherweise in der rechten Seitenleiste einen kleinen Link bemerkt haben: "Die Stadtratssitzung im Video". Tatsächlich kann man sich hier die jeweils letzte Sitzung im Internet anschauen. Sogar durchaus komfortabel mit Direktlinks zu den einzelnen Tagesordnungspunkten. Auf der Internetseite der Stadt www.jena.de findet sich dazu – nichts. Kein Link, kein Hinweis, keine Empfehlung im Sitzungskalender des Stadtrats. Auch im hohen Hause selbst wurde das Thema bislang eher wenig beachtet. Auf einer Tagungsordnung findet man dazu letztmalig 2006 etwas, seitdem scheint sich niemand mehr dafür zu interessieren. Für eine "Stadt der Wissenschaft", die immer "Schritt für Schritt" anderen voraus sein will, ist das, gelinde gesagt, eine schwache Leistung.
Doch als ob sich die Stadtverwaltung für keinen Witz zu schade ist, kommt es noch besser. Als nämlich die Piraten Jena über ihren Vorsitzenden Carsten Eckart mit einer Bürgeranfrage im Stadtrat anregen wollten, sich mit dieser Problematik zu befassen, bekamen sie eine denkwürdige Antwort. Aus dem Büro des OB ließ man sich herab, "darauf hinzuweisen, dass nur Bürger der Stadt Jena in der Bürgerfragestunde des Stadtrates (§ 10 der
Geschäftsordnung für den Stadtrat und die Ausschüsse der Stadt Jena) eine Frage stellen können. Wer 'Bürger' ist, wird in § 10 Abs. 2 ThürKO geregelt. Parteien – auch solchen, die nicht in Fraktionsstärke im Stadtrat vertreten sind – steht das Fragerecht nicht zu."
Aha, alles klar. Übersetzt man aus dem Amtsdeutsch, heißt das: Ein Bürger, der Mitglied in einer Partei ist, die nicht als Fraktion im Stadtrat vertreten ist, hat nicht zu fragen. Oder anders ausgedrückt: wenn da irgendwo PIRATEN drauf steht, stellen wir uns am besten erstmal quer. Könnte ja sein, dass es irgendwie peinlich wird.
Statt auf den Sachverhalt einzugehen oder überhaupt nur anzuerkennen, dass die Stadt mal wieder ein Problem hat, das andere Kommunen längst zur Zufriedenheit ihrer Bürger geklärt haben, zauberte man überdies noch eine "Reihenfolge" aus der verstaubten Amtskiste. Da man die Anfrage in vier einzelne Fragen zu unterschiedlichen Sachverhalten unterteilen könne, müsse man die Anfrage auch auf vier einzelne Stadtratssitzungen verteilen. Auf eine vollständige Beantwortung würde man so stattliche vier Monate warten!
Lieber Herr Oberbürgermeister, wir verstehen, dass man nicht auf alles gleich eine Antwort parat hat. Wir verstehen auch, wenn man erst Informationen einholen oder kompetenten Rat hinzuziehen muss. Aber finden Sie nicht auch, dass diese Arbeitsweise Ihrer Verwaltung nur Kopfschütteln auslöst und so gar nichts mit Bürgerbeteiligung, Service und Transparenz zu tun hat?
In diesem Sinne erlauben wir uns ganz im Interesse vieler Bürger dieser Stadt – dieses Mal ganz öffentlich und für jeden nachlesbar – unsere Anfrage ein zweites Mal zu stellen (siehe Anhang) und hoffen auf eine zeitnahe und plausible Antwort, die einfach nur der Tatsache geschuldet ist, dass hier "Bürger" Verbesserungsbedarf sehen.